Flipped Classroom: Typische Fehler und Fehlvorstellungen

Von Gastautor: Dr. Christian Spannagel, Professor für Mathematik, Pädagogische Hochschule Heidelberg

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Flipped Classroom ist eine Methode, in der Studierende sich im Vorfeld einer Lehrveranstaltung mit den Inhalten befassen und dann entsprechend vorbereitet in die Sitzung kommen.

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Zur Vorbereitung werden oftmals Vorlesungsvideos oder andere Formen von Videos eingesetzt. Die Präsenzveranstaltung wird dadurch weitgehend von Frontalvorträgen freigehalten. Stattdessen können hier die Studierenden das Wissen aus der Vorbereitung anhand von entsprechenden Aufgaben anwenden, Fragen klären und Diskussionen zum Thema führen. Das Grundprinzip des Flipped Classroom lautet dabei: Wenn alle vorbereitet in die Lehrveranstaltung kommen, dann wird diese gehaltvoller und effektiver.

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Bei dieser Methode können (wie bei jeder Methode) Fehler gemacht werden. Und Fehlvorstellungen gibt es auch jede Menge. Hier ein paar der geläufigsten:

Zusammenfassungen: Wer am Anfang einer Sitzung die Inhalte der Vorbereitungsphase wiederholend zusammenfasst, darf sich nicht wundern, wenn ab der dritten Sitzung niemand mehr vorbereitet kommt. Die Methode lebt davon, dass Vorbereitung ernst genommen wird. Und es ist auch klar: das ist ein sensibles und kritisches Element der Methode. Wer hier anfangs falsch agiert, hat schnell verloren. Man muss mit allen Aktivitäten und Äußerungen deutlich machen: Wer sich nicht vorbereitet, hat nichts von der Präsenzphase. Also: Nichts zusammenfassen!

«Wer hat die Videos geschaut?» Diese Frage ist Fehler Nummer 2. Wer sie am Anfang einer Sitzung stellt, bringt sich selbst in eine schwierige Situation. Vielleicht melden sich 50 Prozent der Studierenden. Ein Teil hat die Videos vermutlich tatsächlich nicht geschaut, aber ein Teil der Gewissenhaften wird sich auch nicht melden, weil die Angst besteht, man könnte drangenommen werden oder ähnliches. Aber was macht man, wenn sich nur die Hälfte meldet? Man hat ja die Frage gestellt, um sich zu informieren und gegebenenfalls Maßnahmen zu treffen, die der Situation angemessen sind. Und wenn sich nur die Hälfte meldet, bleibt eigentlich nur Fehler Nr. 1 als Maßnahme übrig. Also: Nicht fragen, sondern davon ausgehen, dass sich alle vorbereitet haben. Logisch: Man hat ja am Anfang des Semesters auch angekündigt, dass Vorbereitung essenziell ist und dass man davon ausgeht, dass es passiert. Dann sollte man es auch tun.

Videos aufgeben: «Schaut als Hausaufgabe die folgenden Videos: …» Bei solchen Aufträgen werden Vorlesungsvideos irgendwie und irgendwo geschaut: In der Bahn, im Bett, beim Kochen (ernsthaft, das wurde bei Evaluationen angegeben). Hauptsache beiläufig. Und die Betrachterin bzw. der Betrachter hat am Ende den Eindruck, sie/er hat alles verstanden. Die Gefahr der oberflächlichen Verarbeitung der Videos ist hoch: die Inhalte werden nicht tief durchdrungen, und die «Illusion des Verstehens» tritt ein, weil alles so nett erklärt wurde. Die aktive und tiefe Verarbeitung der Videos muss hingegen durch geeignete Aufgaben forciert werden. Der Auftrag sollte nicht lauten: «Schaut euch die Videos an.» Sondern: «Bearbeitet die Aufgaben 1 bis 3 in Vorbereitung auf die nächste Sitzung. Und bei der Bearbeitung der Aufgaben helfen euch die folgenden Videos…» Letztlich sind also nicht Videos entscheidend (man könnte ja vielfach auch andere Medien und Materialien zur Vorbereitung einsetzen wie beispielsweise Texte oder Software), sondern die Aufgabenstellungen. Und die müssen einfach gut sein.

Jetzt kann man ja Präsenz einsparen! Schließlich übernehmen Vorlesungsvideos die Rolle der Vorlesung, und dann braucht man die vielleicht gar nicht mehr. Dazu ist zu sagen: Wer so denkt, hat die Methode Flipped Classroom nicht verstanden. Es geht bei der Methode nicht darum, dass man jetzt nur noch mit Videos lernt, dass man die Lehre komplett online macht oder irgendwie jetzt «E-Learning» betreibt. Das Gegenteil ist der Fall: Im Flipped Classroom geht es um eine sinnvolle Ausnutzung der wertvollen Präsenzzeit. Hier soll zusammen gearbeitet und diskutiert werden. Das ist es ja gerade, wofür es wert ist, sich in Präsenz zu treffen: Interaktion. Und um dafür Zeit zu haben, lagert man Frontalvorträge in die Vorbereitung aus. Und das geht relativ einfach mit Hilfe von Videos. Im Flipped Classroom geht es also nicht um volle Digitalisierung der Hochschullehre, sondern um eine gute Präsenzlehre, in deren Dienst digitale Medien gestellt werden.

Welche typischen Fehler und Fehlvorstellungen gibt es aus eurer Sicht noch? Kommentiert!

Flipped Classroom – Der Workshop:  Am 30./31.03.2016 an der Berner Fachhochschule in Bern. Von und mit Dr. Christian Spannagel, PH Heidelberg. Es hat noch zwei Plätze!

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